Fortbildung im Rahmen der Initiative Netzwerk-Sprachgestaltung

„Spricht die Seele, so spricht ach, die Seele nicht mehr“ (Friedrich Schiller)
Das Gedicht – als Partitur der Seele
Welche Themen könnten von Sprachgestaltern behandelt und bearbeitet werden, wenn sie sich gemeinsam zu einer Fortbildungsarbeit treffen?
Eine künstlerische Fortbildung dient der Erinnerung, dem Heraufholen vergessener Methoden, Ansätze und künstlerischer Mittel, sie dient auch dem Austausch neuer Erkenntnisse, und nicht zuletzt der Möglichkeit, einzutauchen in künstlerisches Tun ohne Aufführungsdruck, ohne Unterrichtsverpflichtung; der Teilnehmer muss nicht in einer Top-Disposition sein, glänzend eingesprochen und vorbereitet, etc. – man kommt zusammen, tauscht Erinnerungen und Erfahrungen aus, bringt eigene Textbeispiele mit, lässt sich von anderen inspirieren, es wird chorisch und einzeln geübt je nach Bedarf, und man geht auseinander mit dem Erlebnis der Gewissheit, wie unendlich reich die Gestaltungsmöglichkeiten der Sprache sind und nimmt den Impuls mit, selber weiter zu arbeiten und zu üben.
Am Samstag, 14. April 2018 traf sich eine Gruppe von Sprachgestaltern in Dornach zu der ersten von zwei Fortbildungen in diesem Jahr 2018, das Angebot steht im Rahmen der Initiative Netzwerk-Sprachgestaltung. Das zweite Treffen wird am Samstag/ Sonntag, 1./ 2. 12. 2018 wiederum in Dornach stattfinden.

Das Thema der Fortbildung war „Die Partitur – das Gesamt-Klangbild einer Dichtung“.
Die Anregung hierzu ging von einer der zahlreichen, in Faksimile vorhandenen „Partituren“ Marie Steiners aus; vertieft man sich in sie, wird aus ihnen ersichtlich, wie Marie Steiner die Texte bearbeitet hatte, indem sie sie mit Zeichensetzungen verschiedenster Art versehen hat. Als Vorlage für die Fortbildung diente das Faksimile des Wahrspruches von Rudolf Steiner: „Ein Atemzug aus der Geisterwelt ist…“, abgedruckt in GA 262; alle von Marie Steiner eingezeichneten Zeichen, versucht man sie umzusetzen in das gesprochenen Wort, d.h. in Ton, Laut und Atem, ergeben ein äusserst differenziertes Klangbild des Spruches. Man brauchte die Zeichensetzung nur zu „spielen“, d.h. mit dem Sprach-Instrument zu sprechen, und schon konnte man ahnend hören, mit welchen Differenzierungen Marie Steiner seinerzeit diesen Spruch gestaltet haben wollte. – Diese Entdeckung wurde Anlass zu der erwähnten gemeinsamen Spracharbeit: man versuchte, diese Zeichensprache auch auf andere Texte zu übertragen; neben den üblichen Interpunktionszeichen, die in jeder Dichtung zu finden sind, weisen die Zeichen für den Atemwechsel, auf die Art der Stimmführung, auf die Pausen, die Dynamik und die Tempi, es sind Zeichen zu finden für leicht und beiläufig gesprochene Worte, sowie für Worte mit Gewichtigkeit, u.v.m. – Im Versuch, sie zu sprechen, ergab sich, dass kaum zwei, drei Worte zusammenhängend im Atemstrom gesprochen werden konnten, bei fast jedem gesprochenen Wort bewegt sich die Ausatmung anders, ein ständiger Atemwechsel wurde diktiert, diktiert vom Sinn des Gedankens und übertragen auf den Atem.
„Unermesslich tief ist der Gedanke, und sein geflügelt Werkzeug ist das Wort.“ (Schiller). Das Wort, die Sprache ist der Leib des Gedankens, der Gedanke wird vom Geist getragen, es entsteht nun beim Sprechen eine Art Gedankenmusik, deren Bewegungen durch die Zeichensetzung dirigiert werden. –
Dieser instrumentale Atem-Tanz wandelt den Satzbau und die Grammatik eines Gedichtes in eine klingende Form, die Stimme mit ihren Nuancen vermittelt den Seelen- Inhalt, gemäss dem Ausspruch: „Der Ton macht die Musik“, und der Atem hat derart zu tun, wie man es idealerweise vergleichbar finden kann mit den wechselnden Wolken am Himmel.
Zusammenfassend kann man sagen, ein Gesamt-Klangbild einer Dichtung fordert vom Sprechkünstler, die Grammatik zu gestalten:
– die Wortarten, die Haupt- Nebensätze, Einfügungen, Bestimmungen, Negationen, Beispiele/Metapher, Aufzählungen, Wiederholungen, Zitate, etc. –
– den Klang der Dichtung zu gestalten: über die Stimmführung zu gestalten: hoch-tief-Ton, laut-leise, sanft-hart, den Ton verjüngen, wölben, kuppeln, schliessen-öffnen etc., die Stimme einzustellen in Richtung der Seelenkräfte von Denken, Fühlen, Wollen, etc.
– die Atem-Richtungen zu gestalten: nach „schreiten, schwingen, strahlen“, wie es so von Marie Steiner benannt wurde.
– das Tempo zu gestalten: im rhythmischen Sprechen, mit den Pausen, mit dem Atem-stauen, der Dynamik etc.
Wie das alles zu gestalten und zu handhaben ist, geht aus den grundsätzlich gegebenen Übungen in „Methodik und Wesen der Sprachgestaltung“ GA 280 und den weiteren von Marie Steiner und Rudolf Steiner abgehaltenen Sprachgestaltungskursen, die alle veröffentlicht vorliegen, allein nicht hervor. Diese sind Etüden, bilden lediglich die instrumentale Voraussetzung, die ein Sprechkünstler sich schaffen muss, um sie anwenden zu können beim Erschliessen einer Dichtung. Sie können nicht aus Büchern hervorgehen, denn sie ergeben sich allein aus dem Sprechen der Sprache der Dichtung selber, sofern es Dichtung ist. Marie Steiner hat nur auf das Prinzip hingewiesen, nach dem vorgegangen werden soll: „anschauen – verbinden – eins werden.“ – Die genannten Elemente gehören aber zum Handwerk der Sprachgestaltung, es sind künstlerische Mittel, welche uns die Dichtkunst offenbart. Vieles von dem so Geübten kann habituell veranlagt, d.h. überwunden werden, damit das Bewusstsein beim sprechenden Gestalten frei werden kann für anderes.
Durch die Fülle dieser rein sprachgestalterischen Anforderungen wurde man sofort in eine intensive trainierende Tätigkeit gebracht, die jedes Verharren im Gefühls- und Empfindungsleben verhinderte, und der Bewegung freien Lauf liess; denn die Gesetze der Dichtung nach Mass, Zahl und Gewicht sind allgemein gültig, und eine Beschäftigung mit ihnen wirkt auf alle Übenden befreiend. Doch als die wichtigste Qualität und das Tragende einer gemeinsamen künstlerischen Spracharbeit im Sinne einer Fortbildung ist und bleibt das Schulen des Hörens anderer und das Hören der eigenen Sprache.
Das Echo von Fortbildungen, die der Kunst der Sprachgestaltung dienen, ist kaum vernehmbar, fast verstummt. Und doch wäre es nicht nur wünschenswert , sondern stellt es eine Notwendigkeit der Zeit dar, dass die anfänglich erworbenen Fähigkeiten weiter trainiert und entwickelt werden sollten, denn der Sprachorganismus ist lebendig und in ständiger Wandlung.
Aus einer Mitteilung von Marie Steiner 1945:
„Die Prüfungen haben ergeben, dass durch die langen Jahre, in denen die Sprachgestaltung nicht hat kontrolliert werden können, gerade die neuen Kräfte des bewegten, vom Ich-Willen getragenen Denkens im künstlerischen Sprechen sehr abgeblasst sind. Wenn nun die verlangte Lehrberechtigung vom Goetheanum erneuert wird, so muss Nachdruck darauf gelegt werden, dass energisch erstrebt werden muss, das eigenen Können wieder aufzufrischen und jede Gelegenheit dazu zu ergreifen.“ (Marie Steiner, Ihr Weg zur Erneuerung der Bühnenkunst durch Anthroposophie)
Ursula Ostermai
Initiative Netzwerk-Sprachgestaltung
Die zweite Fortbildung für Sprachgestalter findet statt am Sa./So., 1./2.12.2018 in Dornach.

www.netzwerk-sprachgestaltung.ch