Ulrike Hans

Sprachgestaltung – Luxus für Liebhaber oder notwendiger Kulturimpuls?

Wie schwer es manchmal ist, Modernität und lebendiges Sprechen in Einklang zu bringen, wurde mir wieder einmal bewusst, als ich vor einiger Zeit eine Eurythmieaufführung ansehen durfte, die für Oberstufenschüler inszeniert worden war. Es war eine moderne Aufführung mit interessanten Kostümen, zeitgenössischer Musik und Texten, die die Jugendlichen ansprechen und für die Eurythmie als Kunst begeistern sollten.

Begleitet wurde das kleine Ensemble von einem Pianisten. Leider waren professionelle Sprachgestalterinnen oder Sprachgestalter nicht einbezogen worden.

Vor einem großen Publikum von Waldorflehrern gezeigt, fand das Programm guten Zuspruch und erntete viel Applaus. Nur wenigen fiel auf, dass die von den Eurythmistinnen gegenseitig zur eurythmischen Darstellung gesprochenen Texte mehr oder weniger nur den Inhalt lieferten. Die Eurythmistinnen sprachen zwar gut verständlich und stimmlich kräftig, aber fast durchgehend ohne Rücksicht auf Laut- und Wortgebärden. Man könnte sagen, auch insofern war die Aufführung modern.

Als Menschen des 21. Jahrhunderts sind wir alle Teilnehmer einer Sprechkultur, die sich von derjenigen, die Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts als Sprachverständnis in den deutschsprachigen Ländern anwesend war, deutlich unterscheidet.

Als Rudolf Steiner anfing, sich in verschiedensten Zusammenhängen mit den Erscheinungen der gesprochenen Sprache zu beschäftigen, war durchaus noch der Geist Goethes, Schillers und Wilhelm von Humboldts in der Kultur wirksam. Allerdings in rasant abnehmendem Maße.

Was das Humboldt’sche Verständnis von Sprache charakterisiert, lässt sich am besten mit einem Zitat von Wilhelm von Humboldt verdeutlichen. In seinem Werk Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts (Humboldt 1836) schreibt er:

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). […] Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. […] Die Sprachen als eine Arbeit des Geistes zu bezeichnen, ist schon darum ein vollkommen richtiger und adäquater Ausdruck, weil sich das Dasein des Geistes überhaupt nur in Tätigkeit und als solche denken läßt.(ebd. S.41)

Noch überwog gewissermaßen das Bewusstsein, dass die Sprache eine Arbeit des menschlichen Geistes sei und somit in der Lage, den der Welt innewohnenden Geist durch den Menschen zum Ausdruck kommen zu lassen. Humboldts Sprachforschungen definierten die Sprache nicht als fertiges Produkt, sondern als ‚Energeia’, also etwas Lebendiges, das immer wieder neu zu schöpfen und hervorzubringen sei. Dabei steht der Tätigkeitscharakter im Vordergrund, Sprache wird hier vornehmlich in Verbindung mit Sprechen gedacht. Und Sprechen heißt, den Geist nicht allein durch geistige Inhalte, sondern durch die schöpferische Tätigkeit selbst wahrnehmbar zu machen.

Doch eine andere Sicht bereitete sich bereits vor und Marie und Rudolf Steiner waren sich der Veränderungen sehr wohl bewusst.

In einigen seiner Vorträge erwähnt Rudolf Steiner den Philosophen Fritz Mauthner (Vgl. Steiner 1998, S.113) mit seinem dreibändigen sprachphilosophischen Werk Kritik der Sprache (Mauthner 1982). In diesem Werk, das 1902 veröffentlicht und bis in die 80er Jahre hinein mehrfach neu aufgelegt wurde, führt Mauthner den Beweis, dass ‚die Sprache’ eigentlich gar nicht existent sei. Die menschlichen Sprachen seien so verschieden, dass der Begriff ‚Sprache’ selbst schon ein „Abstractum“(ebd. S.5) sei. Mauthner stellte sich der Sprache bereits wie einem System oder einem Gegenstand gegenüber. Und er verwies auf die Unzulänglichkeit dieses Systems, das nicht in der Lage wäre, objektive Wahrheiten und geistige Gesetzmäßigkeiten der Welt zu beschreiben.

Noch größere und bis heute anhaltende Wirkung erzielte ein Werk, das auf den französischen Sprachforscher Ferdinand de Saussure zurückgeht: der Cours de linguistique générale (Wunderli 2013). 

Das Werk wurde 1916 posthum veröffentlicht. Zum ersten Mal wurde darin das Prinzip der Arbitrarität des lautlichen Zeichens formuliert. Dieses Prinzip besagt, dass lautliche Zeichen, und damit auch Wort und Silbe selbst, frei von jeglicher eigener Bedeutung seien und damit keinerlei Bezug zum Inhalt des Gesagten hätten. Laute seien nichts weiter als Symbole oder konventionalisierte Zeichen.

Letztlich wurde damit ein Sprachverständnis vorbereitet, das annimmt, man könne statt der Worte genauso gut Zahlen aussprechen und sich damit verständigen, wenn diese Zahlen nur eine festgelegte und erlernbare Bedeutung zugeteilt bekämen.

In diesem neuen Verständnis wurden Laute, Worte und Sätzen, aber auch stilistische oder grammatikalische Formen und Strukturen, nicht mehr als Hervorbringung des gesamten Menschen verstanden, durch die er sich die Möglichkeit geschaffen hat, die Gesetzmäßigkeiten von Welt und Kosmos aufzufinden und im Benennen nachzuschaffen. Sie gerinnen vielmehr zu einem System von vereinbarten Symbolen für das Vermitteln von Gedankeninhalten.

In diese Entwicklung hinein wird die Sprachgestaltung geboren. Gerade als innerhalb der Sprechkultur das Humboldt’sche Sprachverständnis und ein idealistisches Kulturideal zu verblassen begannen und der wissenschaftlich-rationale Gebrauch von Sprache langsam Einzug hielt, entwickelten Marie und Rudolf Steiner ein ganz neues Verständnis von Sprache, und implementierten es über die Sprechkunst und das Schauspiel in die Kultur der Zeit.

Das Prinzip der Arbitrarität, also der Willkürlichkeit des Lautes, das also annahm, der lautliche Klang der Sprache habe nichts mit dem inhaltlichen Sinn einer Äußerung zu tun, sollte sich nach 1945 zur „dominierenden Idee der Sprachwissenschaft“ (Meyer-Kalkus 2001, S. 194) entwickeln und ist bis heute Lehrmeinung in Linguistik und Sprechwissenschaft. Wir leben in einer Zeit, in der der größte Teil der Gesellschaft nicht davon ausgeht, dass Laute mehr sein könnten als Symbole. Laute und Worte sind freie Vereinbarungen und werden dementsprechend benutzt. Ob jemand z.B. die physische Hülle des Menschen als Leib oder als Körper bezeichnet, hängt nicht davon ab, wie er diese Hülle versteht, sondern davon, was gerade gebräuchlich ist.

Bedeutung bekommt die Sprache bei dieser Auffassung erst durch ihren Inhalt und durch die non-verbalen Signale, die das Gesagte in einen Kontext stellen und die Haltung des Sprechers signalisieren.

Eine andere Entwicklung, die ebenfalls im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts begann und bis heute andauert, zersetzte dann allerdings bald auch noch das Vertrauen in den Inhalt der Sprache.

1928 brachte der deutschstämmige Amerikaner Edward Bernays, ein Neffe Siegmund Freuds,  das Buch Propaganda (Bernays 2011) heraus, in dem er zeigte, wie man die Erkenntnisse der Psychologie anwenden kann, um durch Worte und Bilder das Verhalten der Massen zu manipulieren und zu steuern. Er nutzte dafür Slogans, die die Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit, Freiheit, Glück oder Ordnung bedienten. Was bei dieser Art des Gebrauchs von Sprache mit den Worten geschieht, bezeichnet man heute in der Werbebranche mit dem Ausdruck ‚Begriffe aufladen’. Begriffe werden dabei ganz nach Wunsch positiv oder negativ aufgeladen, um gewünschte Effekte zu erzielen. Überaus erfolgreich beriet Bernays bereits 1917 die amerikanische Regierung, als es galt, die Zustimmung der Bevölkerung zum Eintritt in den 1. Weltkrieg zu gewinnen. Ein andermal half er der Zigarettenindustrie, Frauen zum Rauchen zu bewegen, indem die Zigarette mit Emanzipation und Freiheit gleichgesetzt wurde. Dies war der Beginn der Werbeindustrie. Ironie des Schicksals: Auch Joseph Goebbels bediente sich des Buches von Edward Bernays, der selbst Jude war, um in hochmanipulativen Kampagnen den Hass der Deutschen gegen die Juden zu schüren.

Was bewirkten diese Machenschaften in Bezug auf das Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache?

Ihrer geistigen Dimension durch das Prinzip der Arbitrarität beraubt, blieb von der Sprache nur der Inhalt. Nach 1945, als offenbar wurde, dass es gelungen war, harmlose Bürger durch Sprache und Bilder zu Mördern umzufunktionieren, war auch das Vertrauen in den Inhalt erschüttert. Sprache wurde zu etwas, das mit Vorsicht zu genießen ist. Sie kann verführen und täuschen, sie kann missverstanden werden, jeder kann sie benutzen, um genau das Gegenteil von dem zu sagen, was er meint. Wie salonfähig Verdrehung und Lüge heute sind, konnten wir gerade erst im amerikanischen Wahlkampf erleben.

Wir leben also in einer Kultur, die durchdrungen ist von dem Gedanken, dass die Sprache an sich gar keinen geistigen Gehalt habe und dass alles Geistige sich erst durch den in den Worten formulierten Gedankeninhalt ergibt. Zugleich ist aber diesem Inhalt nicht zu trauen, denn die Worte sagen oft nicht mehr, was wirklich gemeint ist.

Und doch kommen wir ja ohne die Sprache nicht aus, sind abhängig von ihr, um uns als Menschen zu begegnen und uns die Welt zu erschließen.

Welches Verständnis von Sprache setzen Marie und Rudolf Steiner dem nun entgegen?

Eine der zentralen Thesen Steiners in Bezug auf Sprache und Denken ist, dass alle äußeren Eindrücke vom Menschen über den Bewegungssinn nachvollzogen werden. Der Mensch ahmt die Erscheinungen der Welt durch innermuskuläre Bewegungen nach und kommt so zu einem Verständnis dieser Erscheinungen (Vgl. Steiner 1989, S. 46). In der Weiterverarbeitung des äußeren Eindrucks entstehen innere Bilder. Aus einem Ton oder Geräusch der Außenwelt wird seine sinnbildliche Entsprechung, der Laut. Als weiteres Element der Sprachentstehung kommt dasjenige hinzu, was der Mensch selbst angesichts des wahrgenommenen Eindrucks empfindet.

Erst die Verbindung von Nachahmung, Versinnbildlichung und Empfindungsäußerung führten laut Steiner zu dem, was die menschliche Sprache ursprünglich darstellte.

Diese drei Tätigkeiten vollziehen sich im Vorbewussten oder Unbewussten des Menschen. So ist für Steiner die Schöpfung des Laut- und des Wortbestandes einer Sprache ein künstlerischer, nicht ein rationaler Vorgang. Laute und Worte sind der menschlichen Phantasietätigkeit entsprungen, die ihn spielerisch zu Ausdrucksformen geführt hat, mit denen er seine Erlebnisse immer besser und differenzierter mitzuteilen gelernt hat. Und ebenso wenig, wie ich von einem Gemälde erwarten kann, dass es die Welt realistisch abbildet, kann ich dies von der Sprache erwarten. In der Sprache drückt sich der Mensch immer nur sinnbildlich aus, gibt in einem Bild wieder, was wahrgenommen wurde. Die Sprachen der Welt wären somit in ihrer jeweiligen charakteristischen Eigenart als Kunstwerke zu betrachten, die allerdings nicht von einem einzelnen Künstler, sondern von Völkern und kulturellen Gemeinschaften im Laufe der Evolution geschaffen worden seien (Vgl. Steiner 1981, S. 59).

Spricht der Mensch nun, da Laute und Worte bereits erschaffen sind, so tut er dies, indem er die Laut-, Wort- und Satzgebärden in seinem Sprechorganismus immer wieder aktiv nachbildet.

Die Tätigkeit des Sprechens versteht Steiner als ein gestisches Geschehen innerhalb des gesamten Bewegungsorganismus, wobei die Hauptbewegung vom Kehlkopf übernommen wird. Die verbalen Sprachäußerungen sind in dieser Auffassung nichts anderes, als in Kehlkopfbewegungen übergeführte Gebärden (Vgl. Steiner 1998, S. 113f). Seelische Regungen durchstrahlen einerseits das gesprochene Wort im suprasegmentalen Bereich, haben andererseits aber, Steiners Ansicht zufolge, auch bei der Schöpfung des Lautbestandes mitgewirkt (ebd.)

Interessant ist, sich einmal anzuschauen, was genau durch die Gebärde nachgebildet wird, oder welche Möglichkeiten des Beschreibens die Sprachgebärde hat.

Ich möchte dies anhand eines Beispiels Steiners aus Die Eurythmie als sichtbare Sprache (Steiner 1990b) untersuchen:

Steiner verdeutlich die Lautgebärde anhand des kleinen Wortes L E I M.

Der Gebärde des ‚L’ schreibt Steiner einen wässrigen, wellenden, fließenden Charakter zu (Vgl. Steiner 1981, S. 345). Gleichzeitig habe das ‚L’ die Eigenschaft, Formen zu schaffen oder Materie umzugestalten (Steiner 1990b, S. 68f). Das ‚ei’ sei ein „liebevolles Anschmiegen“ (ebd., S. 69), das ‚m’ habe die Tendenz, sympathisch auf alles einzugehen, „die Form von allem“ (ebd.) anzunehmen.

Würde man den Bewegungsprozess, der sich aus diesen Charakterisierungen der Einzellaute ergibt, begrifflich fassen, so könnte man sagen:

Das Wort ‚L ei m’ beschreibt etwas Fließendes, Formendes, das sich anschmiegt und jegliche Form annehmen kann.

Die Gebärde des Lautes beschreibt also nicht nur eine oberflächlich sichtbare Eigenschaft, sondern in diesem Falle die Konsistenz des Objektes (flüssig, formbar) und zusätzlich die Qualität des Kontaktes zu anderen Objekten (sich anschmiegen, formen, die Form annehmen). Es kommt mit dem ‚ei’ eine als liebevoll empfundene, zugewandte Geste des Vokals hinzu. Indem das „ei“ als ‚sich anschmiegend’ empfunden wird, bekommt die Beschreibung auch eine Willensrichtung zugewiesen, nämlich die Sympathie.

Die besondere Bedeutung dieses Gebärden-Ansatzes der Sprachgestaltung für unsere Kultur ergibt sich meines Erachtens durch den Vorgang der Sprachwahrnehmung, wie ihn Steiner innerhalb seiner Sinneslehre beschreibt.

Als organische Grundlage für die Sprachwahrnehmung beschreibt Steiner die Bewegungsorganik (Vgl. Steiner 1992, S. 243). Entscheidend für die Sprachwahrnehmung ist einerseits die Bewegungsfähigkeit, andererseits die Fähigkeit, Bewegung und Gebärde zurückzuhalten oder zu „stauen“ (Steiner 1992, S. 246). Das Wahrnehmen von Sprache geschieht also, indem wir unsere eigenen inneren Gebärden zurückhalten und es zulassen, dass die Gebärden des Sprechenden unseren Bewegungsorganismus von außen in Bewegung bringen.

Forschungen von William S. Condon (Vgl. Condon et al. 1971) aus den siebziger Jahren belegen, dass es tatsächlich synchronisierte Mikrobewegungen zwischen Sprecher und Zuhörenden gibt. Condon selbst bezeichnet dies als ein Mittanzen mit den Bewegungen des Sprechenden (Vgl. Lutzker S.43). Jede der oben aufgezeigten Gebärden wirkt also auf den Zuhörer so, dass er im Zuhören seine eigenen Haltungen, Regungen und Gebärden unterdrückt. So kann er die Regungen wahrnehmen und verstehen, die ihm in Sprache und Körperausdruck des anderen entgegenkommen.

Rudolf Steiner fügt dem Verständnis von Sprache über den Gebärden-Ansatz eine Dimension hinzu, die den Menschen als tätiges und erlebendes Wesen wieder ins Spiel bringt. Der Mensch versteht den anderen und die Welt nicht allein aufgrund seiner Denkkraft, sondern vor allem aufgrund seines Einfühlungsvermögens und des Vermögens, Eindrücke in sich bewegend nachzuschaffen.

Was verändert sich nun für die Menschen, je nachdem, welche Auffassung sie vom Wesen der Sprache haben und in welcher Art sie Worte gebrauchen? Wilhelm von Humboldt schreibt im oben erwähnten Werk:

Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache; man kann sich beide nie identisch genug denken. (Humboldt, W. 1836, S.37)

Vielleicht lässt sich ermessen, wie geist- und seelenlos eine Welt wahrgenommen werden müsste, die nur noch auf abstrakte Weise auszusprechen wäre. Gebärden-erfülltes Sprechen könnte dagegen dazu führen, dass wir z.B. beim Hören des Wortes ‚L ei m’ den sich fließend bewegenden und am Ende geformten Lautprozess in der Seele nachvollziehen und somit zu einem sinnlichen Eindruck dessen kommen, was das Wesen des ‚Leims’ ist.

Eine Schulung des Gebärden-Erlebens, zum Beispiel durch die sprechkünstlerische Arbeit innerhalb der Sprachgestaltung, regt zugleich das Erleben der Erscheinungen der Welt an. Ja, die Welt kann überhaupt nur als geronnene Bewegung eines schöpferisch tätigen Geistes wahrgenommen werden, wenn unsere Sprache diese schöpferische Tätigkeit nachvollzieht im gestalteten Gestus.

Der Ansatz Steiners, die Sprache als im Menschen nachvollzogene und in der Sprache ausgedrückte Gebärde aufzufassen, birgt in sich die Möglichkeit, die Trennung des Menschen von der geistigen Dimension der Welt, die nicht über äußerliche Begrifflichkeiten erfasst werden kann, wieder aufzuheben. Der Mensch selbst wird wieder verstanden als geistig tätiges Wesen, das die wahren Gesetze der Welt nachschöpft und versteht, statt sie nur distanziert zu betrachten und abstrakt zu betiteln.

Bezogen auf die Arbeit von Eurythmisten und Sprachgestaltern, die hinsichtlich des beschriebenen Sprachansatzes wohl die größte Kompetenz aufweisen, kann man sich nur wünschen, dass sie weder vor den Hörgewohnheiten des Publikums kapitulieren, noch in überkommenen Formen ihren Ausdruck suchen, sondern gemeinsam nach zeitgemäßen Formen einer Sprache suchen, die lebensvoll gestalteter Gestus ist.

 

Artikel erschienen Michaeli 2017 im Rundbrief der Sektion für Redende und Musizierende Künste

 


Literaturverzeichnis

 

Bernays, Edward 2011: Propaganda, die Kunst der Public Relations; orange press

Condon, William S.; William D. Ogston. (1971): Speech and body motion synchrony of the speaker-hearer. In: Perception of Language, Columbus, Ohio, S. 150–184.

Humboldt, Wilhelm von 1836: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus. und ihr Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts. Berlin: F. Dümmler.

Lutzker, Peter 1996: Der Sprachsinn. Sprachwahrnehmung als Sinnesvorgang. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben

Mauthner, Fritz (1982): Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Ungekürzte Ausg. Frankfurt/M, Berlin, Wien: Ullstein.

Meyer-Kalkus, Reinhart (2001): Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag.

Steiner, Rudolf et al. (1981): Sprachgestaltung und dramatische Kunst. 4. Aufl. Dornach/Schweiz: R. Steiner Verlag (GA 282).

Steiner, Rudolf (1989): Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis und der Kulturwert der Pädagogik. 4. Aufl. Dornach/Schweiz: R. Steiner Verlag (GA 310).

Steiner, Rudolf (1990b): Eurythmie als sichtbare Sprache. 5. Aufl. Dornach/Schweiz: R. Steiner Verlag (GA 279).

Steiner, Rudolf (1992): Das Rätsel des Menschen. 2. Aufl. Dornach/Schweiz: R. Steiner Verlag (GA 170).

Steiner, Rudolf 1998: Weltwesenheit und Ichheit; Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz (Ga 169)

Wunderli, Peter (2013): Ferdinand de Saussure. Cours de linguistique générale. Tübingen: Narr Verlag.